Geschichte der Börse und der Aktien, gibt es eine Kultur bzw. Moral beim Handel?

Das Wichtigste in Kürze: Nein, es gibt keine Moral beim Handel mit Aktien. Es darf sie auch nicht geben, das Wirtschaftssystem würde sonst zusammenbrechen.

Warum werden Aktien gehandelt?

Um die Diskussion um die Moral von Börsen zu verstehen, die regelmäßig bei Finanzkrisen ausbricht, muss man in die Geschichte des Börsenhandels und die Hintergründe sowohl der Ausgabe von Aktien als auch der Spekulation mit ihnen eindringen. Aktien werden zum Zwecke der Finanzierung von Unternehmen ausgegeben, diese beschaffen sich damit Kapital für Investitionen. Anleger, welche in Form einer Aktie sich an einem Unternehmen beteiligen, hoffen auf die Ausschüttung einer Dividende, also einer direkten Gewinnbeteiligung, und auf die Wertsteigerung der Aktie. Da Unternehmen bestrebt sind zu wachsen, ist diese Hoffnung in den Aktienkauf impliziert. Sie muss sich aber nicht erfüllen, der Anleger weiß das beim Aktienkauf. Damit hat er sich auf das Feld der Spekulation begeben, das per se nicht zu verurteilen ist. Gäbe es keine Aktien, würden die Unternehmen sich ausschließlich über Kredite finanzieren, das Wachstum ginge entsprechend sehr viel langsamer vonstatten. Wirtschaftssysteme, die jede Spekulation unterbinden wollten (wie der Sozialismus) und die Preisbildung von Gütern und Dienstleistungen staatlich reglementierten, sind grandios gescheitert.

Historische Entwicklung

An den Börsen wird die Preisbildung von Aktien und allen verbundenen Finanzinstrumenten immerhin staatlich beaufsichtigt. Die Reglements sind sehr streng, Insiderhandel ist strafbar, Marktmanipulationen sind es ebenfalls. Die modernen Systeme zur Preisfeststellung von Aktien sind sehr hoch entwickelt (ISO 10383). Das war nicht immer so, Börsen gibt es in Europa immerhin seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts (Brügge 1409, Antwerpen 1460, Köln 1553, Hamburg 1558, Frankfurt 1585). Die Weltwirtschaft wächst also seit mehr als einem halben Jahrtausend auf der Grundlage von an Börsen gehandelten Aktien. Dabei gab es immer Blasen und Crashs, Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker versuchen deren Hintergründe seit Unzeiten zu ergründen, bislang ohne Ergebnis. Das am meisten ausgereifte Modell auf mathematischer Basis versuchte zu Beginn der 2000er Jahre der amerikanisch-französische Forscher Benoit Mandelbrot (1924 – 2010) in seinem Buch “Fraktale und Finanzen” vorzustellen. Er hatte dreißig Jahre seines Lebens auf allerhöchstem Niveau an der Materie geforscht, sein Resümee: Mit den Mitteln der gegenwärtig verfügbaren Mathematik sind die Finanzmärkte nicht zu erklären. Sein Fazit lässt sich in zwei wesentlichen Statements zusammenfassen: Es finden an der Börse Entwicklungen statt, die mit dem Denkmodell der Gaußschen Glockenkurve, also der “Alltagsstatistik”, nicht erklärbar sind, und die Zeit ist gedehnt und gestaucht. Es wird immer wieder Crashs und Blasen geben, der Zeitpunkt ist definitiv nicht vorhersehbar. Erfahrene Börsianer ergänzen solch mathematisch fundierten Aussagen um Erkenntnisse des gesunden Menschenverstandes. Wie weit Kurse steigen oder fallen, weiß niemand. Die Börse ist ein Naturereignis, so mächtig wie ein Hurrikan oder ein Erdbeben.
Damit ist die Diskussion um Börsenmoral obsolet. Man könnte nur den Aktienhandel verbieten, damit würde das gegenwärtige kapitalistische Wirtschaftssystem aufhören zu existieren. Die Alternativen – der Staatssozialismus – sind bekannt. Meine Damen und Herren, lassen Sie das nicht zu. Begrenzen Sie Ihre Verluste.

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